Die Farbskalen der Sandra Tröger

Katalogtext von Carolin Koch, freie Kunsthistorikerin, 2019

Treppen begegnen uns täglich unzählige Male, morgens vor der Haustür, auf dem Weg zur Arbeit, in jedem Gebäude. Sie bergen eine besondere Ästhetik und einen erstaunlichen Formenreichtum. Auch Sandra Tröger interessiert sich in ihrer neusten Serie von Arbeiten unter dem Titel step by step für das architektonische Detail. 

Ein zentrales Werkzeug Trögers Arbeit ist ihre Fotokamera. Mit ihr zieht die Absolventin der Münchner Akademie der Bildenden Künste los, um Ansichten außerhalb ihrer Sehgewohnheiten zu entdecken. Sie füllt und gestaltet durch den Sucher der Kamera, ähnlich wie Ellsworth Kelly oder Raoul de Keyser, ihr inneres Skizzenbuch. Manche Motive treffen schon als Fotografie ihre gültige Aussage, manche inspirieren die Künstlerin, sie in ein gemaltes Bild umzusetzen. 

In den Gemälden der step by step-Serie erlaubt die Treppenstruktur Sandra Tröger, die Farben auf dem Malgrund zu arrangieren. Die Idee eines Farbklangs entsteht zuvor in ihrem Kopf und entwickelt sich ohne Vorentwurf direkt auf der Leinwand weiter. Es beginnt dann die Komposition der Nuancen: Tröger mischt Pigmente und Bindemittel zusammen, um höchste Reinheit und Leuchtkraft der Farbe zu erhalten. So ist jede Mischung einzigartig. Denn das Zusammenspiel der einzelnen Töne – ob harmonisch oder nicht – hat eine zentrale Bedeutung. 

Die Künstlerin nimmt sich Zeit, geht äußerst sensibel und überlegt vor. Wenn eine Farbe sich nicht stimmig in das Gesamtbild einfügt wird sie übermalt, bleibt aber als verborgene Schicht wahrnehmbar. Grenzen – mit dem Klebeband oder dem Flächenspachtel gezogen – säumen die einzelnen Felder ein, ohne jemals allzu streng zu werden, denn die Farbe reißt immer wieder aus, übertritt die Schwellen oder wirft sich in Form von Spritzern auf die benachbarten Bereiche. Dies sind Spuren, die der Künstlerin als Marker des Entstehungsprozesses wichtig sind und in Gestalt eines kontrollierten Zufalls von ihr explizit zugelassen werden. 

Form und Farbe haben im Verlauf der Arbeit unterschiedlichen Vorrang. Trögers Ziel ist aber, die beiden Aspekte im fertigen Bild in ein feinfühliges, genau durchdachtes Gleichgewicht zu bringen. Sie wägt ab, überprüft, komponiert, korrigiert, übermalt, löscht, bis die Arbeit fertig ist. Schritt für Schritt. 

Bei früher entstandenen Werken gab es ein Vorgehen in einer solchen Komplexität noch nicht. Die Arbeiten von 2013 sind aufgebaut wie ein vierteiliges Fenster, dessen Rahmen und Gläser sich durch Unregelmäßigkeiten, Überlagerungen und Transparenzen auszeichnen und noch deutlich eine gestische Handschrift tragen. Fortan wird die Malerei Trögers zunehmend ruhiger und flächiger. Diese Entwicklung resultiert in Gemäldepaaren von 2015, die subtile Farbunterschiede und deren Relation zueinander ausloten und an die Malerei von Josef Albers erinnern. Arbeiten von 2017 zeigen nahezu gleich große, verschiedenfarbige Flächen, die rasterförmig angeordnet sind, aber Unregelmäßigkeiten aufweisen, leicht verschoben und gekippt sind. Ihre Bewegungen werden eingeschränkt von einer kräftigen Umrahmung, lediglich vereinzelte Farbläufer befreien sich daraus. Die Komposition der ab strakten Formen rief Tröger damals noch aus ihrem immanenten Formenrepertoire ab, das sie nun durch das Suchen und Finden neuer Perspektiven durch die Kameralinse erweitert.  

Sämtliche Aspekte Sandra Trögers Werdeganges bereichern ihre Arbeit auf spannungsreiche Art und Weise; in ihrem Wesen sowie in ihren Aktivitäten wird ihr Wille zur Gestaltung offensichtlich. Es ist ein reizvolles sich Durchdringen der künstlerischen Disziplinen Fotografie, Malerei, Architektur und Design, das Tröger selbst lebt und in ihrem bemerkenswerten Oeuvre umsetzt.   

Veröffentlicht am 03.07.2024